Als im Jahr 1992 ein 14jähriger Blondschopf mit Baumarkt-Bike beim Wormser Bike-Club auftauchte, wurde er belächelt. Als dieser Kerl dann bei der ersten gemeinsamen Ausfahrt im Pfälzer Wald einige besser ausgestattete Fahrer stehen ließ, zogen die Lokalgrößen die Augenbrauen hoch. Karl Platt fuhr trotz verbogener Gabel respektlos und mutig. Das war der Startschuss zu einer großen Karriere. Sein Bike hatte der Spätaussiedler mit Prospekte-Austragen verdient. Den regelmäßigen Ausfahrten in die regionalen Kiesgruben folgten die ersten Renneinsätze. Mal in der Hobbyklasse, mal bei großen deutschen Rennen mit gefälschtem Ausweis, weil er zu jung für die Altersklassen war. Platt steckte trotz seiner Jugend mittendrin in der Mountainbike-Pionierzeit. Man fuhr jede Art von Rennen, die man erreichen konnte, egal ob Cross-Country oder Downhill, egal ob Stunts in der Kiesgrube, Straßentraining oder Bike-Touren im Pfälzer Wald. Man feierte sich auf dem Campingplatz, probierte alles neue aus, stürzte häufig und schrottete Material. Das Baumarkt-Bike war längst gegen ein gebrauchtes Schwinn Paramount eines Vereinskollegen getauscht, Ersatzteile gab es mit Rabatt vom Wormser Bikeshop. Karl Platt hatte Blut geleckt.

Es folgten die ersten internationalen Einsätze, 1993 der Downhill-Worldcup in Kaprun, die Europameisterschaft in Klosters. 1995 der Wechsel vom Wormser Gymnasium an das Heinrich-Heine-Sportinternat in Kaiserslautern – Leistungssport als Schulfach. Nicht selten strampelte er freitags die 65 Kilometer aus dem Internat mit Rucksack nach Hause und montags früh wieder hin. Im Begriff Trainingsfleiß muss man bei Karl das Wort Fleiß in Großbuchstaben schreiben. Er fürchtet kein schlechtes Wetter, keinen Gegenwind, sibirische Kälte ist er aus seiner Jugend in Novosibirsk leidlich gewohnt. Wenn es ihn packt, fährt er an einem Tag die Insel Mallorca ab – 340 Kilometer an den Küsten entlang. 1996 leuchtete sein Talent erstmals richtig auf. Die Disziplinen Cross-Country und Downhill waren noch nicht so strikt getrennt wie heute. Multitalent Platt fuhr in seinem letzten Juniorenjahr im Cross-Country unter die besten fünf, gewann Bundesligarennen und wurde Deutscher Meister im Downhill. Sein bisher einziger Meistertitel…

Im gleichen Jahr fuhr er seine erste WM in Cairns, Australien. Die Saison 1997 war der Beginn einer längeren Durststrecke. Die großen Trainingsumfänge von weit über 20000 Kilometer wollten nicht so richtig fruchten, der Ehrgeiz und der Einsatz wurden selten belohnt. Doch Karl blieb zäh und schaffte seinen Durchbruch 2001 mit dem überraschenden Sieg beim Gardasee-Marathon gegen Bike-Langstrecken-Legende Ekkehard Dörschlag. Karl, mittlerweile im Rocky Mountain Team zu hause, fuhr Fully, Dörschlag Hardtail. Im gleichen Jahr setzte er bei der Transalp-Challenge mit Platz drei ein Ausrufezeichen und wurde von da an als Marathonspezialist gehandelt – oder besser: abgestempelt. Es gibt kaum einen Marathon, den Platt noch nicht gewonnen oder zumindest auf dem Podest beendet hat. 2002 gewann er seine erste Transalp-Challenge an der Seite von Teamkollege Carsten Bresser, vier weitere Siege sollten folgen. Mit der „Triple Crown of endurance“, dem Sieg beim Cape Epic, der Transalp und den Trans Rockies in einem Jahr mit drei unterschiedlichen Partnern setzte er sich 2002 ein Denkmal. Seine faire, ehrliche Art ist bei Rennfahrerkollegen beliebt, seine Offenheit bei den Fans. Mit dem Wechsel zu Bulls mit Stefan Sahm als Teamkollege und Friedemann Schmude als Teammanager hat sich Platt ein Dreamteam geformt. Zusammen mit Stefan schaffte er das Etappenrennen-Triple aus Cape Epic, Trans Germany und Bike Transalp 2007 nochmals. Nur bei den Meisterschaften blieb er bislang glücklos und vom Pech verfolgt. Platz 6 bei der Marathon-WM war sein bestes Resultat, damals schrammte er durch Defekt an einer Medaille vorbei. Karl steckt Rückschläge weg wie andere Leute wenn sie einen Bus verpassen. Analysieren, positiv denken, neu konzentrieren, lautet sein Rezept. Verlieren gehört zum Sport, das weiß er nur zu gut. Aus dem Kiesgruben-Hobby ist ein ernster Beruf geworden, mit Steuererklärung, Rechten und Pflichten, seinen acht-Stunden-Tag sitzt der Osthofener eben im Sattel ab. Freie Wochenenden kennen Rennfahrer nicht, stattdessen 60.000 Flugmeilen, 40.000 Autokilometer und 30.000 Trainingskilometer. Halt findet Karl in seiner Familie. Frau Eugenie und die Kinder Lara und Luis stehen bei nahgelegenen Rennen immer am Streckenrand.

Portrait von Christoph Listmann